Die Erkenntnis ist erst mal nicht so neu: Nur wer weiß, welchen HIV-Status er hat, kann sich im Alltag richtig verhalten. Doch der Gang zum HIV-Spezialisten oder zum Gesundheitsamt ist keiner, den man gerne geht – also beruft Mann sich oft, zu oft, auf Gedankengänge wie: „Ich hatte nur unsafen Verkehr mit meinem Ex-Freund, und der war beim letzten HIV-Test HIV-negativ. Also bin ich es folglich auch, denn sonst gab es ja keine Risikosituationen …“
Würde man sich nicht doch häufiger und auch regelmäßig auf HIV testen lassen, wenn man dies auch bei seinem Hausarzt machen könnte, dem man schon seit Jahren vertraut und der vor allem den Körper seines Patienten ohnehin bestens kennt?
Fakt ist: Je früher eine Infektion mit dem HI-Virus entdeckt wird, desto früher kann man zum einen mit der antiretroviralen Therapie beginnen, zum anderen ist so eher sicherzustellen, dass es zu keinen weiteren Infektionen (Mehrfachansteckungen des Patienten selbst, Stichwort Superinfektion, oder Ansteckung anderer) durch Unwissenheit oder „Ich bin HIV-negativ“-Vermutungen kommt.
Der rechtzeitige Beginn einer antiretroviralen Therapie bringt Lebenszeitgewinn! „Bei HIV-infizierten Patienten kann durch eine antiretrovirale Behandlung eine Lebenserwartung erreicht werden, die der gleichaltriger Nicht-Infizierter entspricht. Voraussetzung für eine Therapie ist jedoch, dass der Betroffene von seiner Erkrankung weiß“, so Dr. Carl Knud Schewe aus Hamburg auf dem von Gilead Sciences initiierten Symposium anlässlich des 116. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) im Frühjahr in Wiesbaden.
LANGES WARTEN, HOHE VIRUSLAST
Eine späte Diagnose ist ein Risiko für den Patienten selbst und für sein Umfeld. Experten schätzen, dass nur jeder Zweite von den 2,3 Millionen HIV-Infizierten in Europa Kenntnis von seiner Infektion hat, weil man sich einfach nicht testen lässt.
Professor Dr. Jürgen Rockstroh aus Bonn befürwortet, dass HIV-Tests auch in Hausarztpraxen durchgeführt werden, denn „wird die Diagnose erst in einem fortgeschrittenem Stadium gestellt, profitieren die Patienten möglicherweise nicht mehr von den Vorteilen einer HIV-Therapie. Außerdem sind unbehandelte HIV-Infizierte mit einer hohem Viruslast wesentlich infektiöser als Patienten unter einer antiretroviralen Therapie.“
GANZ FRISCH!
Ist eine Frau schwanger, wird sie auf HIV getestet. Hat ein Patient Nadelstichverletzungen, wird es ihm auch nahegelegt. Viel zu selten (fast nie) wird aber von den Hausärzten ein HIV-Test angeraten, wenn der Patient „eigentlich gesund“ ist, aber an Erkrankungen leidet, die auf einen Immundefekt schließen lassen: schwere Herpes-Infektionen etwa, Mundsoor (Hefepilzinfektion der Mundschleimhaut und Zunge) oder aber auch Nachtschweiß und Diarrhöen. Eine HIV-Infektion äußert sich nicht zwingend mit dem seit den 1980ern bekannten Kaposi-Sarkom („Schwulenhautkrebs“), sondern oft nur durch Allgemeinsymptome, die mitunter einem grippalen Infekt ähneln – darauf wies u. a. Professor Dr. Hans-Jürgen Stellbrink aus Hamburg hin.
Dr. Carl Knud Schewe rief trotz des Zeitaufwands Hausärzte dazu auf, öfter einen HIV-Test anzubieten und ihn gegebenenfalls auch in eine Art Routinecheck einzubinden: „In jedem Fall sollte vor und auch nach dem Test ein persönliches Patientengespräch stattfinden, in dem auch die positiven Perspektiven im Falle einer HIV-Infektion dargestellt werden.“
Heutzutage ist die antiretrovirale Therapie nicht mehr mit so vielen Nebenwirkungen verbunden wie noch in den 1990ern. Auch findet man sich leichter im Dschungel der Einnahmevorschriften zurecht: Es wurde vieles einfacher, wenn man denn seinen HIV-Status kennt und eine Therapie das Leben verlängert und erleichtert. Die Behandlung bei einem positiven Testergebnis sollte natürlich in einer Schwerpunktpraxis durchgeführt werden. •rä
INFO
FORTBILDUNGSINITIATIVE
BEST, Better Equipped for Starting Treatment, ist eine internationale Fortbildungsinitiative für therapienaive HIV-Patienten. Ziel von BEST ist es, Menschen mit einer HIV-Infektion optimal zum Thema Therapiebeginn zu informieren und somit die Weichen zu stellen, Erkrankung sowie Einnahme einer antiretroviralen Therapie in Einklang mit dem Leben der Betroffenen zu bringen. Die BEST-Schulungsunterlagen sind nach dem Prinzip „von Betroffenen für Betroffene“ erarbeitet, mit deren Hilfe erfahrene Personen aus der Community Workshops für HIV-Patienten durchführen können.
Source: blu.fm
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