Vor zehn Jahren hielten die wenigsten für möglich, was bis heute im Kampf gegen Armut erreicht wurde. Die Millenium-Entwicklungsziele waren hierbei von unschätzbarem Wert
Was zehn Jahre für einen Unterschied machen können. Im September 2000 überwand die Vollversammlung der Vereinten Nationen für einen Augenblick ihre Differenzen und nahm einstimmig Kofi Annans ambitionierten Plan zur Bekämpfung der weltweiten Armut an. Weniger als ein Jahrzehnt nach dem Ende des Kalten Krieges und vor dem Hintergrund wachsenden Vertrauens in die wirtschaftliche Entwicklung herrschte das Gefühl vor, dass sich die Dinge wirklich zum Besseren wenden könnten – für alle.
Milleniumsgipfel (Emmanual Dumand AFP/Getty Images)
Ein weiteres Jahrzehnt später treffen sich die Regierungschefs nun erneut in New York, um über den Stand des Kampfes gegen die Armut zu beraten, dieses Mal allerdings vor dem Hintergrund von Weltfinanzkrise, Klimawandel und steigender Nahrungspreise. Von einem Sieg kann keine Rede sein. Aber als derjenige, der sich für die Formulierung der acht Millenium-Entwicklungsziele (engl. millenium developement goals, MDG) verantwortlich zeichnet, bin ich der Auffassung, dass es absolut gerechtfertigt war, sich diese Ziele zu stecken.
Wenn man zehn Jahre zurückblickt, erstaunt nicht so sehr, wie wenig, sondern vielmehr wieviel in dieser Zeit erreicht werden konnte. Nehmen Sie zum Beispiel das ehrgeizige Ziel, die Zahl der Menschen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen, zu halbieren: Vor zehn Jahren wurde dies als vollkommen unrealistisch verschrien, heute ist es aufgrund des schnellen Wirtschaftswachstums in China und anderen Teilen Asiens in greifbare Nähe gerückt.
Weniger in den Medien thematisiert, aber nichtsdestotrotz von großer Bedeutung ist eine aktuelle Prognose, nach der es neun afrikanischen Ländern ebenfalls gelingen wird, die Armut bis 2015 zu halbieren – diese Deadline hatten wir uns vor zehn Jahren gesetzt. Auch im Bildungsbereich wurden gewaltige Fortschritte erzielt: Länder wie Tansania und Ghana bewegen sich in Windeseile auf eine umfassende Grundschulausbildung für alle zu; weltweit gehen heute 40 Millionen Kinder mehr in die Grundschule als noch vor zehn Jahren.
Die MDGs waren für diese Veränderungen von unschätzbarem Wert. Sie stechen aus der Masse an unzähligen Gipfeltreffen, Resolutionen und zahnlosen Abschlussdokumenten heraus, weil sie ganz konkrete, quantifizierbare Ziele benennen, an denen der Fortschritt bemessen werden kann. Sie lassen keinen Raum mehr für die faktenarmen Debatten mit dem ewiggleichen Tenor, Entwicklungshilfe sei ein Fass ohne Boden und funktioniere eben einfach nicht. Mit Hilfe der Zielvorgaben können wir messen und benennen, was funktioniert und was nicht.
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Geber- und Entwicklungsländer können sich nun praktisch darüber verständigen, welche Schwerpunkte sie bei ihren Anstrengungen in der Armutsbekämpfung setzen wollen, damit sich das Leben der einfachen Leute wirklich zum Besseren hin verändert. Auch auf politischer Ebene führten die MDGs zu einem positiven Wettstreit der Nationen. Afrikanische Präsidenten erzählten mir, sie seien stolz darauf, ihre Nachbarländer bei der Anzahl der angemeldeten Grundschulkinder zu übertreffen. Unterm Strich sind die MDGs zu dem geworden, was Annan und ich uns erhofft hatten: eine Art Gradmesser für die weltweite Entwicklung.
Defizit: Kinder- und Müttersterblichkeit
Die Regierungschefs, die sich in dieser Woche in New York versammelt haben, können aus ihren Erfolgen Mut schöpfen, sollten sich aber um noch bessere Ergebnisse bemühen. Nick Cleggs Ankündigung, das Hauptaugenmerk der britischen Regierung in New York werde auf dem Wohlergehen von Müttern und Kindern liegen, ist zu begrüßen. Den schockierenden Sterblichkeitsraten bei Kindern unter fünf Jahren und Müttern wird weltweit immer noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Hier herrscht die größte Diskrepanz zwischen der Realität und den gesteckten Zielen. Millionen von Kindern und Müttern sterben, obwohl bekannt ist, wie sie gerettet werden könnten: Umfassender Zugang zu Gesundheitsversorgung, Impfungen, Familienplanung und die Gewährleistung sicherer Geburten in Kombination mit Sonderhilfen für die ärmsten und am meisten ausgegrenzten Mütter und Kinder wären hier als die wichtigsten Punkte zu nennen. Doch das Bild ist auch hier nicht durch und durch düster und überraschender Weise gibt es ärmere Länder wie Malawi oder Bangladesch, die schnellere Fortschritte machen als reichere Nachbarn wie Kenia oder Indien.
Im Laufe der nächsten fünf Jahre müssen wir von diesen Ländern lernen und gleichzeitig die finanziellen Mittel zur Stabilisierung der erreichten Erfolge zur Verfügung stellen, damit diese nicht wieder zunichte gemacht werden. Die Ziele können aber nicht durch die Hilfen westlicher Länder allein erreicht werden. Auch die Entwicklungsländer müssen ihre Versprechen einhalten, 15 Prozent ihrer öffentlichen Ausgaben auf den Ausbau der Gesundheitssysteme zu verwenden, um sich in die Lage zu versetzten, diese in Zukunft selbstständig auf Grundlage ihrer eigenen Steuereinnahmen zu tragen. Afrika wächst heute schneller als Europa und die Möglichkeiten des sich ausweitenden privaten Sektors müssen genutzt werden. In der gleichen Weise, wie afrikanische Unternehmen HIV-Tests durchführen und die Unterstützung infizierter Angestellter übernommen haben, könnten sie auch bei einfachen aber effektiven Initiativen im Bereich der Familiengesundheit mit der jeweiligen Regierung zusammenarbeiten.
Keiner stellt das Ausmaß der vor uns stehenden Herausforderungen in Frage, aber noch vor zehn Jahre gab es viele, die nicht für möglich gehalten hätten, dass wir bis heute so weit kommen würden. In dieser Woche müssen die Regierungschefs ihre Bereitschaft zur Bekämpfung der Armut erneuern und sagen, wie sie in den kommenden fünf Jahren weiter vorgehen wollen. Es kann immer noch alles gewonnen werden.